Langsam

Es wird besser.
Langsam.
Ich bin nicht mehr voller Hass und Wut. Ich bin immer noch nicht fröhlich, freue mich auch nicht für Euch. Das tut mir leid.
Aber es wird besser.
Langsam.

Es hört auf weh zu tun.
Langsam.
Der Schmerz ist immer noch täglich zu spüren, das Stechen im Herzen, wenn ich eine Erinnerung habe oder deinen Namen lese. Die Wunde ist nicht frisch, aber noch offen und infektiös.
Aber es hört auf weh zu tun.
Langsam.

Ich möchte mein Leben verändern.
Langsam.
Ob ich jemals wieder so lieben kann? Vermutlich nicht. Mit dieser Zeit brach mein Vertrauen in zu kleine Teile, die ich noch nicht alle wiedergefunden habe. Und dennoch möchte ich es anders haben als es ist. Weil es so nicht geht, auch wenn es bequemer wäre und es vertraut ist.
Aber ich möchte mein Leben verändern.
Langsam.

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Notaufnahme

Sie lag wach. Wie lang, konnte sie nicht sagen. Aber es müssen Stunden gewesen sein. Stunden, in denen nichts passierte. Nur die Gedanken kreisten weiter in Ihrem Kopf.
Die Hand langte zur Kommode, wo Papier und Stift immer griffbereit liegen, für den Fall, etwas Wichtiges für später festzuhalten. Aber nichts passierte. Die Feder streifte das Papier, ohne ein einziges Wort zu enthüllen.
Ihr Arm tat weh. Das Blut lief nicht mehr, aber die Wunde konnte sie noch deutlich spüren. Der Schnitt war tief. Der Schmerz war heftiger als in den Tagen zuvor. Sie strich langsam über den Streifen verletzter Haut. Es tat gut. Und weh.
Langsam versuchte sie aufzustehen. Der Kopf dröhnte, wie eine Horde wilder Pferde auf der Flucht. Sie griff die ersten Kleidungsstücke, die sie finden konnte. Tasche, Mantel, Schlüssel. Der Weg zum Krankenhaus war zum Glück nicht weit.
Die Schwester fragte sie, was passiert sei. Sie sagte, ich habe eine Schnittwunde am Arm.
Wie ist das passiert, fragte die Schwester.
Es war ein Unfall. Es war keine Absicht.
Ihre Antwort quittierte die Schwester mit einem stummen Lächeln. Das war Alltag. Jeden Tag kamen Frauen mit Unfällen zu ihr.
Sie wurde von der Schwester in den Warteraum gebracht. Sie war kein Notfall. Vor ihr lagen Knochenbrüche, Brandwunden.
Sie setzte sich an den hintersten Platz, mit Blick auf die Tür. Sie schaute sich die Menschen an, die an diesem Tag in die Notaufnahme kamen. Keiner war allein. Sie saßen in Gruppen oder zu Paaren. Ein Kind mit seinen Eltern saß schräg gegenüber von ihr. Der Junge wollte den Kuchen aus dem Ofen nehmen und verbrannte sich die Hand. Seine Eltern haben ihn in die Mitte genommen und legten beide Arme um ihn während er seine Transformers-Figur verdrehte.
Nach und nach wurden die Patienten aufgerufen. Es wurden immer weniger um sie herum.
Ihr Blick ging zum Fenster hinaus. Ein paar Vögel bauten ihr Nest in dem mit wenig Blättern behangenem Baum. Friedlich.
Kommen Sie bitte mit, schallte es es durch den Raum.
Ein Arzt, etwa Mitte 30, starrte sie emotionslos an. Sie stand langsam auf. Schwindel überkam sie. Wann hatte sie das letzte mal etwas gegessen oder getrunken? Es muss Tage her gewesen sein.
Langsam folgte sie dem Mann in den Untersuchungsraum. Sterile und kalte Luft umhüllte sie.
Er ergriff grob ihren Arm.
Was ist hier passiert, fragte er.
Es war ein Unfall. Es war keine Absicht.
Soso.
Er griff in eine Schublade und holte eine Flasche mit brauner Flüssigkeit und schmierte sie ihr mit wenig Behutsamkeit auf die Wunde. Es brannte. Stärker als der eigentliche Schnitt. Das Gefühl ging durch den ganzen Körper und ließ sie kurzzeitig erstarren.
Der Verband wurde fest geschnürt, ohne besondere Sorgfalt.
Das nächste Mal passen Sie besser auf, sagte er.
Keine weitere Frage. Kein weiteres Interesse, was genau passiert war.
Ja, sagte sie kaum hörbar.